100 Frauen schreiben 100 Briefe an das Leben!

Ein soziales Gemeinschaftsprojekt der besonderen Art 

100 Frauen schreiben Briefe an das Leben - soziales Projekt

Jetzt als eBook oder Print (ISBN 978-3752822786)!

Durch eine Erkrankung im Herbst 2017 stellte sich die Initiatorin Verena Nickl die Frage: Wie gehen andere Frauen mit solch einer Situation um? Wie schaffen sie es, nicht aufzugeben? Welche Gedanken gehen ihnen durch den Kopf? Was hilft ihnen in dieser schwierigen Zeit? Sind es andere Frauen? Familienangehörige?

Durch einen Aufruf in den sozialen Medien kam Ina Nordmann dazu und schnell fanden sich viele weitere Frauen, die bei diesem Projekt dabei sein wollten.

Insgesamt 100 Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben nun beschlossen, dieses ganz besondere Buch zu veröffentlichen. Alle Altersstufen sind vertreten. Jede Frau hat ihre Geschichte und ihre Erfahrungen, die sie mit anderen teilen möchte…

Das Besondere:
Der Erlös geht zu 100 % an ein Frauenhaus in Münster

„100 Frauen schreiben Briefe“ ist überall erhältlich, wo es Bücher gibt,
beispielsweise auf Amazon.

Weitere Informationen findet ihr auf Facebook.

Ein Radiointerview findet ihr unter dem Datum 21.07.2018 auf der Website der Martina Straten Show.

Guter Zweck
Klick auf das Bild, um zum Buchtrailer auf YouTube zu gelangen

Als eine dieser 100 Frauen durfte auch ich einen Brief an das Leben schreiben.

Das Leben meinte es bisher sehr gut mit mir. Die großen Schicksalsschläge, die viele dieser anderen 99 Frauen überwinden mussten, sind mir bisher erspart geblieben und dafür bin ich unendlich dankbar. Worüber also schreiben?

Akzeptanz war das Thema, das mir am Herzen lag.

Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberinnen darf ich meinen Brief hier veröffentlichen und hoffe, damit neugierig auf die 99 anderen zu machen. Ich verspreche: Es lohnt sich. Für den guten Zweck und für viele Gedankenanstöße und Mutmacher!

Hallo du verrücktes, unlogisches, beklopptes, wundervolles Leben!

Sechsunddreißig Jahre sind wir schon gemeinsam unterwegs und ich verstehe noch immer nicht ganz, wie du tickst. Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte dich endlich begriffen, zeigst du mir eine völlig neue Seite und lässt mich dumm aus der Wäsche schauen. Ständig hältst du neue Überraschungen bereit. Schema F zieht bei dir nicht. Aber das ist schon in Ordnung. Wo bliebe sonst die Spannung?
Dennoch … falls du zufällig einmal meinem zwölfjährigen Ich über den Weg läufst, könntest du ihr nicht ein paar Dinge von mir ausrichten?
Sag ihr doch bitte, dass sie okay ist. Und zwar genau so, wie sie ist: Mit ihrem Kopf voller Geschichten und Tagträume, ihrer zurückhaltenden Art und ihren Momenten, in denen sie gern ganz für sich ist. Sag ihr, dass ihre Fantasie eine Superkraft ist, die sie nicht verstecken soll. Sie wird lange vergeblich versuchen, so zu sein, wie Zeitschriften und Fernsehsendungen es vorgeben. Sie wird sich bemühen, ihre Introvertiertheit abzulegen, um stattdessen ein lässigeres Ich überzuziehen.
Liebes Leben, sag ihr: »Der, der dich so wie du bist erschaffen hat, hat sich etwas Wunderbares dabei gedacht. Auch wenn du nicht perfekt bist. Irgendwann wirst du lernen, dass vieles, das die Welt als Schwäche bezeichnet, auch zur persönlichen Stärke werden kann. Es braucht bloß ein wenig Zeit. Zeit, zur Ruhe zu kommen, das ständige Streben nach dem nächsten Punkt auf der Lebensliste zu unterbrechen und herauszufinden, was man mit seinen ganz individuellen Fähigkeiten anstellen kann.«
Zu erkennen, wer ich bin, was ich will und was mir liegt, war eine der befreiendsten Entwicklungen meines Lebens. Ich wünschte nur, ich hätte früher begriffen, dass es nichts bringt, sich mit all den Erwartungen aufzuhalten, die uns entgegenschlagen: »Du musst cool sein. Du musst Karriere machen. Du musst Größe 36 tragen. Du musst funktionieren.«
Die Wahrheit ist: Nichts von alledem muss ich. Ich darf »Nein!« sagen, wenn ich etwas nicht möchte. Ich muss nicht auf allen Hochzeiten tanzen, nur weil ich eingeladen bin. Ich muss nicht jedem gefallen, weil das gar nicht möglich ist. Und ich muss erst recht nicht in allem perfekt sein.
Ausprobiert habe ich eine Menge: Musik, Schauspiel, Tanz, Sport, Handwerk und nicht zuletzt das Schreiben. Manches davon liegt mir und bereitet mir immer wieder Freude, anderes eben weniger. Das macht nichts.
Am Ende bleibt die Schnittmenge aus dem, was man kann und was einen glücklich macht. Eine Schnittmenge, die bei jedem eine andere ist und sein darf. Diese persönliche Schnittmenge zu finden – meine Schnittmenge – und nicht darauf zu hören, ob irgendjemand das für eigenartig, ineffizient oder unwichtig hält, ist ein Moment tiefster Zufriedenheit. Ein Moment, in dem es nicht mehr wichtig ist, ob man cool, erfolgreich oder perfekt ist, weil man ganz bei sich angekommen ist.
So war es, als ich ernsthaft damit begann, mein erstes Buch zu schreiben. Gewünscht hatte ich mir das seit Jahren, doch die Zweifel waren viel zu lange viel zu laut: Kannst du das wirklich? Will das denn jemand lesen? Was, wenn du nicht durchhältst? Aber das Schreiben macht mich glücklich. Es ist meine Schnittmenge. Und so habe ich durchgehalten.
Einen Roman zu schreiben hat mich vieles gelehrt: Dass ich in der Lage bin, ein so großes Projekt aus eigener Motivation zu Ende zu bringen, hunderte von Seiten zu schreiben, danach monatelanges Überarbeiten und Verbessern, Recherchieren, Ergänzen und Streichen. Es hat aber auch meinen Blick auf die Welt verändert, mich im Alltag wachsamer gemacht: für kleine Gesten und Details, für mächtige Worte und das Ungesagte zwischen den Zeilen.
Oft bin ich mit den Gedanken in meiner eigenen Welt. Doch dann erregt eine Kleinigkeit meine Aufmerksamkeit und bringt Ideen ins Rollen, die wie von selbst wachsen und gedeihen, als wären sie fantastische Blumen.
Beim Schreiben ist es wie beim Theaterspielen: Nur ein guter Beobachter kann realistische Momente erschaffen. Ich habe gelernt, bewusster hinzuhören und hinzuschauen und dabei ein offeneres Herz für die kleinen Macken und Makel anderer Menschen gewonnen. Ein Herz, das Eigenarten nicht nur respektieren, sondern sogar lieben kann. Wie schön sind die kleinen Marotten, die uns so unverwechselbar machen! Kleine Fältchen, die von unserem Lachen zeugen. Fehler, die zeigen, dass wir Menschen sind.
Liebes Leben, es wäre schön gewesen, meine Schnittmenge früher zu erkennen und auch früher zu verstehen, dass ich mich nicht an Normen anpassen muss. Dass die Welt ein langweiliger und farbloser Ort wäre, gäbe es uns Träumer nicht. Aber ich sehe ein, dass meine Nachricht an mein jüngeres Ich wohl nicht mehr zugestellt wird. Macht nichts. Ich bin angekommen.
Jetzt gibt es andere Zwölf-, Fünfzehn-, Achtzehnjährige, die ihren Weg finden wollen. Was vor zwanzig Jahren Zeitschriften waren, sind heute soziale Medien, doch das Problem ist geblieben: Alle versuchen, sich perfekt in Szene zu setzen. Sie sind makellos schön, immer glücklich, mit aufregenden Hobbys und angesagten Klamotten. Welchen Druck das auf junge Menschen ausübt! Ich gebe zu, so ganz habe ich mich auch nicht davon gelöst. Wer möchte schon ein Bild von sich veröffentlichen, das einen Pickel auf der Nase oder ein Speckröllchen an der Hüfte zeigt? Doch vielleicht können wir alle ab und zu daran denken, uns vom Einheitsbrei zu lösen und eine positive Nachricht zu verbreiten:
»Du bist okay – so wie du bist. Dein Wert wird nicht in Kleidergrößen, Jobtiteln oder der Anzahl von Likes gemessen. Du musst deine Interessen, Wünsche und Talente nicht unter den Teppich kehren, bloß weil nicht jeder sie teilt. Sei schüchtern, sei ein Nerd, sein verträumt, sei ehrgeizig, sei ein bunter Paradiesvogel, sei ein Träumer – was auch immer: Sei du selbst und das mit aller Leidenschaft. Denn genau darin bist du perfekt.«